Die Digitalisierung bei Axel Springer SE

Christoph Keese, Vizepräsident der Axel Springer SE, hielt am 2.6.2016 einen hochinteressanten Vortrag im Capital Club Berlin. Im Vorgriff auf sein zur Buchmesse 2016 erscheinendes Buch "Silicon Germany" stellte er zunächst Springers Weg zur Digitalisierung dar und machte dann für den Digitalstandort Deutschland eine eher düstere Prognose.

Hier ein paar Highlights seines 30-min-Vortrages (Folien leider nicht freigegeben):

  1. Das Silicon Valley wäre als Land der 5.-reichste Staat der Welt.
  2. 30% aller deutschen Startups haben ihren Sitz in Berlin.
  3. Es kann nur 1-2 Startup-Cluster pro Kontinent geben; USA hat Silicon Valley und New York, Europa Berlin (und 16 Minicluster, 1 pro Bundesland in Deutschland, sind ineffektiv.)
  4. Facebook ist heute die größte Medienfirma der Welt (hat aber keinen eigenen Content).
  5. SocietyOne ist die schnellst wachsende Bank der Welt ohne eigene Filialen, AirBnB vermittelt mehr Übernachtungen als die ganze Hiltongruppe ohne eigene Immobilien, Uber ist die größte Taxiplattform, hat aber auch keine eigenen Autos - es sind die Plattformen, die heute das Geld und das Wachstum machen.
  6. Plattformen streben naturgemäß das Monopol an und haben in vielen Märkten (Suchmaschinen, Onlinebuchhandel etc.) schon Marktanteile, von denen selbst Rockefeller mit Standard Oil nur träumen konnte.
  7. Heute sind 62% der Umsätze und 70% des operativen Gewinns der Springer SE aus dem Digitalgeschäft, 2006 waren es nach 12 (!) Jahren Vorbereitung nur jeweis 1%. Damit ist Springer neben Burda, Schipsted (Norwegen) und ein südafrikanischer der am weitesten digitalisierte Verlag der EMEA-Region. Innerhalb der deutschen Dax- und M-Dax-Unternehmen sowieso.
  8. Danach hat Springer zunächst in Later Stage, dann zunehmend in Startups (jünger als 5 Jahre, technologiegetrieben, skalierend) und insgesamt in 250 Unternehmen investiert. Dabei wird jeweils die Mehrheit übernommen, VCs und Einzelinvestoren rausgekauft, aber das Managementteam möglichst mit allen Freiheiten an Bord gehalten.
  9. Übernommene Firmen werden nicht in den Konzern integriert und haben volle Kontrahierungsfreiheit (dürfen Leistungen am Markt frei einkaufen, Springer-eigene Firmen sind dabei Anbieter wie alle anderen), bleiben also Schnellboote, aber unter einem kapitalkräftigen Dach.
  10. Ein gelungenes Beispiel ist das 1996 in Oslo gegründete Stepstone: sie waren nach FAZ und einem anderen Printtitel in Deutschland hoffnungslose Nr. 3 im Markt der Stellenanzeigen, wurden 2008 von Springer gekauft und sind heute europäischer Marktführer.
  11. Das Anzeigengeschäft läuft bei Springer heute zu 80% digital, weil die Kunden dadurch auch erhebliche Kostenvorteile haben: 70 € im Vergleich zu 20.000 € für eine Viertelseite in der FAZ. Es trägt zur digitalen Umsatzexplosion bei.
  12. Dennoch ist der Monetarisierungsgrad Online : Print nur 1 : 10 bei selber Reichweite, d.h. bei 1 Mio. Lesern online wie Print mache ich mit den Onlinelesern nur ein Zehntel der Umsätze wie mit Printlesern.
  13. Springer investiert seit 2006 vornehmlich in Plattformen (vgl. 6.), weil dort der Großteil der Marge hängenbleibt, die durch die Prozesseinsparungen der Digitalisierung gewonnen werden. YouTube zahlt z.B. nur 50 Mio. Dollar im Jahr an größere Plattenfirmen, wird aber seinen Umsatz von 8 Mrd. 2015 auf 12 Mrd. Dollar 2016 steigern. Die Hersteller gehen oft wegen der neuen jungen, weiblichen Zielgruppen voll unter ihre Grenzkosten, die Gewinne bleiben bei den Plattformen (Amazon, Facebook, YouTube, Uber, AirBnB, Zalando etc.).
  14. Auch für die gerade boomenden Virtual-Reality-Brillen prophezeit Keese, dass bald ein Preisverfall stattfinden wird und nur wieder die Plattformen profitieren, nicht die Brillenhersteller.
  15. Dies könnte auch der deutschen Autoindustrie so gehen, wenn sie nicht bald das KfZ als rollenden Computer begreift, weil sie ansonsten nur noch margenfrei gepressten Stahl an die US-Plattformen liefern darf, die den interessanteren Teil der Wertschöpfung betreiben. Dennoch sieht er im Gegensatz zu Carsharingplattformen (CarJump), Batterietechnologie (Varta) beim autonomen Fahren noch eine Chance für deutsche Technologie.
  16. Nachdem die Later Stages zu teuer wurden (Internet-Hype) und z.B. wie Snapchat (dem nach Einschätzung von Keese aussichtsreichsten Medienportal nach Facebook) nur Wachstum bei negativem EBITDA fahren, war auch Springers Aktionären, die Marge verlangen, kein Milliardenkauf eines bisher unprofitablen Unternehmens zu verkaufen.
  17. Daher die Zuwendung zu Startups in Early Stages im Gleichklang Build (Inkubator AxelSpringerPlug&Play: 5% Anteil am Startup für 25k Beteiligung, 2-3-Mann-Teams mit Idee und nicht fertigem Produkt, 10 Wochen zur Entwicklung des MVP/Prototypen, der beim DemoDay dann mit 90% Investchance führenden Investoren vorgestellt wird), Acquire or Partner.
  18. Bereits 80 Startups durchliefen diesen Inkubator. Prominentes Beispiel ist Papayer, die eine Kreditkarte für Kinder und Jugendliche bauen wollten, wovon ihnen alle abrieten. Da sie aber eigentlich die vorhandenen Geschäftsbanken disruptieren wollten, pivotierten sie zu number26. Der Rest ist Geschichte: nach 9 Monaten erhielten sie 10 Mio. Dollar Invest von Peter Thiel, haben derzeit 150.000 Kunden, zum Jahresende 2016 wohl 500.000 und sind nach eigener Aussage Europas modernstes Girokonto und schnellst wachsende Bank.
  19. Sein Rat an die deutsche Wirtschaft, damit auch die 2. Digitalisierungswelle nicht verschlafen wird:
    1. junge, kollaborativ denkende Leute entscheiden lassen - nicht umsonst seien die meisten Nobelpreis-gewürdigten Arbeiten von Twens geleistet worden, auch wenn sie erst 50 Jahre später ausgezeichnet werden (dieser Nobelmythos wurde aber inzwischen widerlegt: vgl. hier) - das Durchschnittsalter deutscher Führungskräfte liegt bei 51 Jahren;
    2. schnell mit der Digitalisierung beginnen, Springer hat immerhin 12 Jahre bis zu den ersten Erfolgen gebraucht - diese Zeit bleibt heute vielen Branchen nicht (Banken - FinTechs!);
    3. massive Investitionen in die Startupökonomie: in den USA wurde letztes Jahr 59 Mrd. $ an Wagniskapital ausgeschüttet, in Deutschland gerade mal 700 Mio. Euro;
    4. Deutschland hat eine errechnete Eigenkapitallücke von 30 Mrd. Euro, doch ein Wagniskapitalgesetz wird es wohl erst 2021 geben.

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